|
Greater
functional recovery after temporal lobe epilepsy surgery in children
Autoren:
Gleissner U, Sassen R, Schramm J, Elger
CE, Helmstaedter C Brain 2005;128:2822-9
Referent:
Priv.-Doz. Dr. H. Jokeit, Zürich

gute experimentelle oder klinische Arbeit
|
| Zusammenfasssung: Fragestellung:
Die Studie von Frau Gleissner und Kollegen behandelt die überaus wichtige
Frage, ob eine Temporallappenteilresektion im Kindesalter mit weniger
postoperativen Gedächtniseinbussen einhergeht als eine entsprechende
Resektion im Erwachsenenalter.
Hintergrund: Seit ca. drei Jahrzehnten werden auch
Kinder in nennenswerter Zahl epilepsiechirurgisch versorgt. Bekannt ist,
dass eine aktive Epilepsie die emotionale und kognitive Entwicklung eines
Kindes erheblich stören kann. Weder vermehrte Komplikationen noch ein
schlechteres Anfalls-Outcome sprechen gegen die Epilepsiechirurgie im
Kindesalter. Hinsichtlich des Gedächtnisses zeigt sich bei Kindern wie
bei Erwachsenen, dass eine Resektion im Bereich des sprachdominantseitigen
Temporallappens häufiger mit Einbussen im Verbalgedächtnis einhergeht.
Während diese Defizite bei erwachsenen Patienten persistieren, scheinen
sich die Gedächtnisfunktionen bei Kindern längerfristig wieder
entsprechend dem präoperativen Ausgangsniveau zu erholen. Insgesamt ist
die Datenlage aber als unbefriedigend anzusehen und den wenigen Studien im
Kinderbereich haften methodische Probleme an. Erschwert werden Vergleiche
zwischen Erwachsenen und Kindern dadurch, dass ätiologisch und
pathologisch Unterschiede in den Kohorten bestehen, die mit einer
Temporallappenteilresektion behandelt werden. Die vorliegende Studie
vergleicht das Anfalls-, kognitive und Gedächtnis-Outcome drei und zwölf
Monate nach einer Temporallappenresektion von einer Kinderstichprobe mit
der einer Erwachsenenstichprobe. Die letztere wurde hinsichtlich der
Pathologie, des Beginns der Epilepsie, der Seite der Resektion und des
Typs der Resektion auf die Kinderstichprobe abgeglichen, um möglichst
viele Variablen zu kontrollieren.
Patienten und Methodik: Retrospektiv wurden aus der
Bonner Datenbank epilepsiechirurgische Patienten ausgewählt, die
möglichst exakt einer vorbeschriebenen Gruppe von 30 Kindern nach
Temporallappenteilresektion (19 linksseitig) entsprechen. Das Alter zu
Beginn der Epilepsie lag in beiden Gruppen bei ca. 8 Jahren. Bei jeweils
12 Patienten wurde ein Gangliogliom als Ätiologie nachgewiesen. Jeweils
vier Patienten in jeder Gruppe hatten ein DNT oder eine glioneuronale
Hamartie. Es wurde versucht , ein Maximum an klinischen Variablen zwischen
beiden Untersuchungsgruppen zu parallelisieren. Der Hauptfaktor der
untersucht wurde, war das Alter zum Zeitpunkt der
Temporallappenteilresektion, das in der Kindergruppe bei 13 Jahren und in
der Erwachsenengruppe bei 30 Jahren lag. Als abhängige Variable wurde das
Anfalls-Outcome und die Veränderungen in kognitiven und mnestischen
Funktionen jeweils 3 und 12 Monate postoperativ analysiert.
Ergebnisse: Hinsichtlich des Anfalls-Outcomes gab es
keinen signifikanten Unterschied in Abhängigkeit vom Alter zum Zeitpunkt
der Resektion. Drei Monate nach linksseitiger Resektion zeigte die Kinder-
wie die Erwachsenengruppe im Mittel eine Einbusse im Verbalgedächtnis. Im
Einjahresvergleich zeigte sich aber, dass die linksseitig operierten
Kinder im Mittel wieder ihr präoperatives Niveau im Verbalgedächtnis
erreichten, während bei den Erwachsenen Patienten das Defizit
fortbestand. Ein analoges Bild zeigten die rechtsseitig operierten
Patienten im non-verbalen Gedächtnis, wo sich ebenfalls wieder die Kinder
erholten und das Defizit bei den Erwachsenen persistierte.
Erfreulicherweise zeigten sich bei den Kindern zusätzlich Verbesserungen
in den Aufmerksamkeitsfunktionen.
Schlussfolgerungen: Die Autoren schlussfolgern, dass
eine frühe Temporallappenteilresektion hinsichtlich des Anfalls-Outcomes
mit einer Operation im Erwachsenenalter vergleichbar ist, aber bezüglich
des Gedächtnis-Outcomes einer späten Operation deutlich überlegen ist.
Die Autoren verweisen auf die eingeschränkte Generalisierbarkeit dieser
Aussage, da in der Studienpopulation die häufigste Ätiologie für
Operationen im Erwachsenenalter, nämlich die Hippocampussklerose, in den
untersuchten Daten nur singulär vertreten war. Eine weitere
Einschränkung formulieren die Autoren bezüglich der Vergleichbarkeit und
der Entwicklungsdynamik der Normen der verwendeten Tests. Das insgesamt
positivere Ergebnis bei einer frühen Operation sehen die Autoren in einer
größeren neuronalen Plastizität sowie höheren kompensatorischen
Ressourcen begründet.
Kommentar: Diese Studie
liefert einen wertvollen Beitrag für die Beurteilung der
Epilepsiechirurgie im Kindesalter. Das große Verdienst dieser Studie ist,
dass eine Vielzahl von Einflussfaktoren in diesem Gruppenvergleich
kontrolliert wurden. Dies allerdings um den Preis einer eingeschränkten
Generalisierbarkeit der Ergebnissedurch die Parallelisierung der Gruppen
hinsichtlich der Ätiologien. Andererseits lieferte dieses konsequente
Vorgehen eine methodisch überzeugende Evidenz für die Wirksamkeit der
Variable Alter zum Zeitpunkt der Operation. Bei aller Sorgfalt und dem
Versuch der Vollständigkeit bleibt, wie bei den meisten Studien im
Kinderbereich, beim Leser ein gewisses Unbehagen gegenüber der
eingeschränkten Vergleichbarkeit von Tests für das Kindes- bzw.
Erwachsenenalter. Die Vielfalt der Tests zur Schätzung des allgemeinen
kognitiven Niveaus der Patienten ist ein Problem vieler retrospektiver
Studien, tangiert aber nicht die Hauptaussage dieses Artikels.
Sicherlich werden längerfristig im Bonner Programm auch
die Hippokampussklerosen im Kindesalter in hinreichender Zahl vertreten
sein, die dann einen Vergleich mit der typischen Erwachsenenpopulation mit
mesialer Temporallappenepilepsie ermöglichen könnten.
|