| Zusammenfassung: Fragestellung:
Die Autoren untersuchten, wie hoch bei Kindern das Risiko für das erneute
Auftreten epileptischer Anfälle nach erfolgreichen epilepsiechirurgischen
Eingriffen ist, und ob die Reinstitution einer antikonvulsiven Medikation
im Falle von Rezidiven bei Abdosierung erneut zu Anfallsfreiheit führt.
Hintergrund: Die Praxis der Weiterführung einer
antikonvulsiven Medikation nach erfolgreichen epilepsiechirurgischen
Eingriffen ist sehr heterogen. Mehrere monozentrische Publikationen haben
ein erhöhtes Risiko für Anfallsrezidive im Falle eines Absetzens der
Medikation konstatiert. Die Datenlage ist jedoch mangels prospektiver
randomisierter Studien schlecht, für Kinder sind auch unkontrollierte
Studien kaum durchgeführt worden.
Patienten und Methodik: Die Autoren befragten 102
Patienten bzw. deren Familie aus einem Gesamtkollektiv von 251 operierten
Kindern, die sich von 1988-2001 einem epilepsiechirurgischen Eingriff
unterzogen hatten und 1 Jahr postoperativ anfallsfrei waren, hinsichtlich
der Häufigkeit des Vorliegens epileptischer Anfälle innerhalb eines
Zeitfensters von 3 Monaten bei Befragen bei vollständigem Absetzen der
antikonvulsiven Medikation. Die Kinder hatten ein mittleres Alter von 5,1
Jahren bei Beginn der Epilepsie und von 11 Jahren bei Operation.,
häufigste Ätiologien waren Tumoren, kongenitale Malformationen und
Hippocampussklerose, häufigste Operationen Läsionektomien,
Hemisphärektomien und anteriore Temporallappenresektionen. 63% der
umschriebenen Resektionen wurden temporal durchgeführt.
Ergebnisse: Bei 13 % der Patienten traten nach Absetzen
der Medikation im Zeitraum von 3 Monaten vor telephonischer Befragung zum
erneuten Auftreten epileptischer Anfälle, eine Zeitabhängigkeit von der
Dauer der postoperativen Phase (11-92 Monate) bis zu Beginn des Absetzens
der Medikation war nicht ersichtlich. Nahezu alle Patienten erreichten
wieder Anfallsfreiheit bei erneuter Gabe von Antikonvulsiva. Das Auftreten
postoperativer Anfälle vor Beginn der Medikamentenreduktion war mit einem
erhöhten Risiko für Anfallsereignisse nach Absetzen verbunden, aufgrund
der geringen Zahl von Anfallsrezidiven konnten andere Risikofaktoren
hierfür statistisch nicht identifiziert werden.
Schlußfolgerungen: Die Autoren schließen, dass ein
Absetzen der antikonvulsiven Medikation das Langzeit-Outcome nach
epilepsiechirurgischen Eingriffen im Kindesalter nicht relevant ändert,
insbesondere bei vollständiger Anfallsfreiheit in der postoperativen
Periode. Das Risiko für das erneute Auftreten pharmakoresistenter
Anfälle wird auf ca. 3% geschätzt.
Kommentar: Wie die Autoren
selbst konstatieren, handelt es sich um eine unkontrollierte,
retrospektive Lanzeit-Outcome Studie. So bleiben wichtige Fragen
hinsichtlich der Patientenselektion und hinsichtlich der Geschwindigkeit
der Medikamentenreduktion offen, auch wäre eine Erfassung eines längeren
Zeitraumes als von 3 Monaten vor telephonischer Befragung von Interesse.
Als prädiktiver Faktor für ein anscheinend erhöhtes Risiko von
Anfällen konnte lediglich das Auftreten postoperativer Anfälle bereits
vor Beginn der Medikamentenreduktion identifiziert werden; hier wäre
ebenfalls eine detailliertere Information über den zeitlichen Verlauf
dieser Anfälle von Interesse.
Dennoch hat diese Arbeit einen erheblichen klinischen
Wert. Dies liegt an der erstaunlichen Tatsache, dass trotz der Existenz
epilepsiechirurgischer Programme an einer Vielzahl von Zentren mit oft gut
standardisierter prächirurgischer Diagnostik die Untersuchung des
Langzeit-Follow-ups der Patienten unzureichend erscheint und insbesondere
keine prospektiven, randomisierten Studien zum Absetzen der Medikation
postoperativ vorliegen. So ist die Evidenz hier in der Regel als Klasse IV
einzustufen, was insbesondere deshalb nicht zufrieden stellend ist, da die
Expertenmeinungen hinsichtlich der Verfahrensweise bei der postoperativen
Medikation erheblich divergieren. Insbesondere im Kinderbereich ist die
Datenlage völlig unzureichend.
So hat diese Untersuchung einen hohen Stellenwert für
das kli-nisch-praktische Vorgehen und für die Beratung von Kindern und
ihren Eltern hinsichtlich der Risiken des Absetzens der Medikation. Die
hohe Bereitschaft von Kindern und ihren Eltern, ein Jahr postoperativ eine
Medikamentenreduktion durchzuführen, ist sicher Ausdruck zum einen der
besonders langen Perspektive hinsichtlich eines Lebens mit oder ohne
regelmäßige Medikamenteneinnahme, zum anderen eines relativ geringeren
Risikos negativer sozialer Konsequenzen wie dem Verlust der Fahrerlaubnis
oder eines Arbeitsplatzes im Falle eines Wiederauftretens von Anfällen.
Insofern ist die geringe Reizidivrate und die hohe
Chance auf erneute Kontrolle der Epilepsie im Falle einer Reinstitution
der Medikation von hoher Wertigkeit, da m.E. trotz des Studiendesigns von
einer relativ repräsentativen Aussage über vergleichbare Kollektive
anzunehmen ist. Die Ergebnisse ermutigen Ärzte und Patienten, den Versuch
einer Medikamentenreduktion nach mindestens einjähriger Anfallsfreiheit
zu unternehmen. Randomisierte, prospektive Multi-center-Studien bleiben
dennoch erforderlich, um weitere Faktoren wie Abdosierungsgeschwindigkeit
und Zeitpunkt des Beginns der Abdosierung erfassen zu können.
Neben der praktisch-klinischen Seite ist die hier
berichtete erheblich bessere Chance auf postoperative Anfallsfreiheit ohne
Medikation ein weiterer Baustein in der Kette der Argumente, die für eine
frühzeitige epilepsiechirurgische Behandlung sprechen. So ist nicht nur
das initiale postoperative Outcome bei Kindern besser als bei Erwachsenen,
sondern offenbar auch die Chance, im weiteren Verlauf ohne Medikamente
auszukommen. Neben den positiven sozialen Implikationen dieser Aussagen
unterstützt dieser Befund die Auffassung, dass es zumindest bei manchen
Unterformen fokaler Epilepsien im Verlaufe der Epilepsie oder mit
zunehmenden Alter Phänomene einer Progression der Erkrankung in dem Sinne
zu geben scheint, dass vergleichbare epilepsiechirurgische Eingriffe
sowohl kurzzeitig als auch hinsichtlich einer kompletten Anfallskontrolle
ohne Medikation bei späterer Durchführung eine schlechtere Chance
bieten. Hier sind zusätzliche Untersuchungen zur Pathophysiologie sicher
angezeigt.
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